Playa quemada

La flor azteca

Los monstruos del Riachuelo

El amor enfermo

Marvin

Auschwitz

Adiós, Bob

Playa quemada

La fe ciega

Auschwitz

El Corazón de Doli

La otra playa


10.25.2010

FOTOS

Ich mag keine Züge. Für mich sind sie wie lang gezogene Gefängnisse, die auf Gleisen verschiedene Bahnhöfe zu einer Postkartenlandschaft verbinden. Ich hasse Bahnsteige und Haltestellen. Wir aus den Außenbezirken vergeuden unsere Lebenszeit damit, ins Zentrum zu fahren. Ich habe in verschiedenen Vierteln im Westen gelebt. In Vororten kann es ruhiger zugehen: Die Häuser sind niedrig; das chaotische Durcheinander aus Lärm und Licht wie in der Stadtmitte gibt es dort nicht. Für Kinder und alte Menschen ist das besser. Nicht aber für Leute, die arbeiten müssen, weil sie dadurch ständig gezwungen sind, in dieser Strafanstalt auf Rädern zu fahren. Wer schon einmal im Gefängnis war, weiß, wovon ich rede. Die Stunden vergehen langsam und schleppend. Schwerfällig und unaufhaltsam fließen die Tage wie zäher Honig dahin.
Und dann fahren wir auch noch dicht aneinander gedrängt. Zu Stoßzeiten kehren die Arbeiter wie Sardinen in der Dose nach Hause zurück; genau wie ich. Die Leute klopfen auf Holz, dass kein Unfall passiert; aber nicht etwa, weil es so voll ist. Nein. Es geht um Unfälle der anderen Art, die draußen geschehen. Wenn ein Zug einen Menschen überfährt, kommt es zu »Verzögerungen im Betriebsablauf«. Jeder weiß, was das bedeutet. Über die Lautsprecher sagen sie es durch. Wenn wir, die Fahrgäste, die metallische Stimme hören, können wir sicher sein, dass alles, was wir tun wollten, einige Stunden aufgeschoben werden muss. Ein Selbstmörder oder ein Greis, der den Hals am Bahnübergang nicht mehr nach links und rechts zu drehen vermag, greift für einen gewissen – manchmal sehr langen – Zeitraum in unser Leben ein.
Einmal waren wir dreieinhalb Stunden zwischen zwei Bahnhöfen eingesperrt. Es war zum Verzweifeln; die Leute kletterten aus dem Fenster. Fast alle sprangen hinaus. Ich konnte es nicht, mir fehlte der Mut. Ich sage es noch einmal: Der Zug ist ein Gefängnis mit klaren Regeln und Grenzen. Aus einem Gefängnis zu flüchten ist völlig sinnlos, weil man früher oder später dorthin zurückkehrt. Der ein oder andere war sicher schon in einer vergleichbaren Situation und wird mich verstehen. Wer schon einmal eingesessen hat, den plagen Ängste, die ihn auch dann nicht loslassen, wenn er herauskommt. Ich habe ein Jahr aus Gründen verloren, an die ich mich nicht einmal mehr erinnere. Mein Leben wurde um ein Jahr verschoben, als wäre ich die ganze Zeit unterwegs gewesen. Ich weiß nicht, ob man das nachvollziehen kann. Die Zeit im Gefängnis ist wie die, die man in Zügen verliert; die unzähligen verschwundenen Stunden, die von der eigentlichen Zeit zu Hause abgehen. Man raubt uns die Stunden. Diese Idee stammt von mir (ich bin ein kleiner Philosoph). Das denke ich jedes Mal, wenn ein Zug Verspätung hat.
Heute kam ich zu spät zum Bahnhof und musste sofort wieder daran denken. Ich sage deswegen, dass ich zu spät kam, weil ich gleich beim Einsteigen in einen der Wagen bemerkte, dass die Gespräche gerade abflauten. Wenn sich die Menschen auf Wartezeit einstellen, wenn sie zulassen, auf eine solch dreiste Art ihrer Freude, nach Hause zu fahren, beraubt zu werden, wollen sie allmählich die Stimme erheben. Mehr als protestieren können sie nicht, also schimpfen sie. Alle tun das. Ich weiß, wie die Menschen sind, denn während der Zugfahrten habe ich sie oft beobachtet. Sie reden nicht, um miteinander in Beziehung zu treten, sondern tauschen gerade einmal Unannehmlichkeiten aus. Die unangenehme Situation entsteht, weil ein stehender Zug letzten Endes wie der Schmerzensschrei des stummen Straßenverkäufers ist. Und die Leute sind bestürzt darüber, ihre von Bau und Büro erschöpften Körper einer Zugfahrt auszusetzen, die nicht stattfindet, die sich wegen äußerer Umstände verzögert und auf die sie (jetzt merken sie es) keinen Einfluss haben. Auch wenn sie einen Fahrschein gekauft haben oder ein Monatsabonnement besitzen. Dann beginnt die öffentliche Aufruhr, das laute Geschrei, die Kritik an der Dienstleistung, das einhellige Geschimpfe.
Ich rege mich nicht auf. Ich habe schon so viel Zeit mit Warten verbracht, dass ich mich daran gewöhnt habe. Ich will mich noch nicht einmal hinsetzen; ich warte im Stehen, gleich einem Laternenpfahl. Selbst wenn sie mir wegen guten Betragens während der Zugfahrten einen Sitzplatz schenkten, bliebe ich stehen. Es sollte gar keine Sitzplätze geben; die Sitze sind nur ein Grund mehr, dass sich die Fahrgäste einander entfremden, weil die einen bequem sitzen und die anderen zusammengepfercht stehen müssen. Ich bin gegen Bequemlichkeiten, die mit Ellenbogen erkämpft werden. Die Leute bringen einander für einen Sitzplatz fast um. Dieses Verhalten ist absurd; danach beschweren sie sich: »Schrecklich, diese elende Fahrerei.« Deshalb halte ich lieber den Mund. Gleichgültig und stoisch, wie es so meine Art ist, nehme ich jede Störung, jede Verspätung, jede erreichte Haltestelle als eine dem Wahnsinn entsprungene Täuschung hin. Ich betrachte die Leute um mich herum, anstatt ihnen unter die Nase zu reiben, dass ich die Situation auch nicht ändern kann.
Ich gebe zu: Ich bin nicht gerade der kontaktfreudige Typ. Das stimmt schon. Zu viele Schläge lassen einen verstummen. Ich weiß aber auch, dass es im Grunde genommen sowieso keine Kommunikation gibt. Selbst dann nicht, wenn sie in der katastrophalen Situation eines stehengebliebenen Zuges, die das Leben aller unterbricht, aufkeimt. Es gibt keinen Austausch, weil niemand dem anderen zuhört; jeder gibt zum Besten, was er vom Betriebsablauf hält, nickt und schnaubt wütend. Und das angebliche Gespräch ist nichts weiter als ein Schwall aus Verfluchungen und Lügen, der während der ganzen Fahrt die Atmosphäre im Zug vergiftet. Der armselige Typ zu meiner Linken zum Beispiel nickt und beißt sich auf die Unterlippe, als ich ihn anschaue. Er erwartet, dass ich ihm zustimme, ihm zulächle, um mein Einverständnis auszudrücken. Ich rühre mich nicht, weil ich nicht weiß, welches Zeichen ich ihm geben könnte. Sein Gesicht ist von Pocken zerfressen, die Nase breit und platt. Warum sollte ich mit diesem Typen reden? Warum seine Meinung über etwas so Alltägliches wie einen Zug anhören? Aus welchem Grund sollte ich mich vom Ärger dieser ganzen unbekannten Leute anstecken lassen?
Das Abfahrtssignal ertönt und alle sprechen noch ein wenig lauter. Eine der Frauen mit einem Sitzplatz ruft: »Na endlich!«, und der armselige Typ nickt zustimmend. Er steht neben ihrem Sitz und hält sich an einer Halteschlaufe fest. Die Fahrgäste hinter ihm drücken seine Beine gegen die Armlehne und sogar gegen den Arm der Frau. Auf dieser Bank sitzen zwei Frauen und ihnen gegenüber ein Mann und eine Frau. Der Mann ist spindeldürr, er setzt sich auf dem grünen Polster zurecht und schließt die Augen. Die drei Frauen sehen sich lächelnd an. Irgendein unsichtbares Band vereint sie, eine Art weibliche Übereinkunft. Die Frau, die am Fenster sitzt, hat zwei kleine Kinder auf dem Schoß: einen zwei- oder dreijährigen Jungen und ein etwas älteres Mädchen, das vom Bein seiner Mutter aufsteht und sich wieder hinsetzt. Für die Kleine ist es offensichtlich unbequem; mag sein, dass manch einer der gedrängt stehenden Fahrgäste meint, wir hätten es noch unbequemer, aber auf solche Kleinigkeiten achte ich während der Fahrt nicht. Ich versuche immer, die Menschen zu beobachten, ich studiere gern die Bewegungen anderer. Die in Einsamkeit verbrachte Zeit hat meinen Blick geschärft. Wenn ich Zug fahre, bin ich absolut einsam; deswegen beobachte ich.
Die Frau neben dem Mädchen macht ein wenig Platz auf der Sitzbank. Die am Fenster sagt: »Danke, das geht schon«, und die Frau streicht über den kleinen schwarzen Haarschopf. Das Mädchen ist ein dunkler Typ, jede der drei Frauen hätte ihre Mutter sein können, äußerlich haben sie einiges gemein. Vielleicht wäre die neben dem Mann zu alt, um die Mutter des Mädchens zu sein. »Eine nicht wiedergutzumachende Alterssünde«, denke ich mir. Innerlich muss ich über meinen eigenen Scherz lachen und die Kleine hebt den Kopf.
Der Zug hält in Flores. Die Haltestellen sind so schnell vorbeigeflogen, dass ich sie kaum wahrgenommen habe, so abgelenkt war ich davon, die Menschen im Wagen zu beschreiben. Ein Kerl mit runzligem Gesicht und grauem Anzug gab eine Bemerkung darüber ab, wie seltsam es sei, dass nach acht Uhr abends noch einer von den Schnellen fahre. »Außerdem«, so fügte er hinzu, »halten die Züge, die Verspätung haben, überall.« Das fand ich einleuchtend. Ich fragte ihn, ob er wisse, was auf der Anzeigetafel stand, aber der Kerl zog ein Gesicht, als würde er seine Bemerkung bereuen, und schlug eine Zeitung auf, die er unter seinen Arm geklemmt hatte. Er fing an, die Kleinanzeigen durchzusehen.
Ich hatte es gewagt, eine Frage an ihn zu richten, weil er auf mich den Eindruck machte, als würde er sich auskennen, nicht, weil ich ein Gespräch mit ihm beginnen wollte oder so etwas. Zumindest aus Höflichkeit hätte er mir antworten können. Ich richtete einen äußerst strengen Blick mitten auf seinen grauhaarigen Kopf und starrte ihn so eindringlich an, dass mir die Tränen kamen. Er merkte nichts davon, weil er so in die Spalten mit der kleinen Schrift vertieft war. Ich beschloss, mich nicht dafür zu interessieren, was der Alte da suchte, oder was er sonst noch täte. Ich schaute aus dem Fenster auf den Bahnhof. Vielleicht hatte ich meine Frage zu leise gestellt, weil ich ja nicht gewohnt bin zu sprechen.
Für Flores stiegen ziemlich viele Leute zu. Es wurde geschubst, als wären wir in Once. »Weiter geht nicht«, rief der armselige Typ. Der Bahnsteig war nun fast leer.
Die Frau mit dem Mädchen fragte die andere, ob der Zug in Padua halte. Die antwortete, dass sie das nicht wisse, weil sie nur ab und zu mit ihm fahre. Dann meinte sie, wie entsetzlich sie es fände, wenn sie jeden Tag so von Menschenmassen bedrängt Zug fahren müsste. »Die armen Leute«, fügte sie hinzu. Der Mann öffnete die Augen und sagte: »Nach Morón hält er überall.«
»Und in Morón selbst, hält er da auch?«, fragte die entsetzte Frau.
»Ja klar.«
Ich hätte mich einklinken können, um einen Kommentar dazu abzugeben, aber ich sagte nichts. Ich war wegen des Alten verstimmt; es ist sehr unschön, wenn eine Frage unbeantwortet in der Luft hängen bleibt. Das ist so, als würde man jemandem die Hand geben wollen und der merkt es nicht. Kein Mensch würde nach solch einem Missverständnis noch gern an einem Gespräch teilnehmen. Außerdem hinderte mich der Abstand zwischen uns an einer Antwort; ich hätte unangemessen laut reden müssen und damit den Anschein erweckt, dass ich allen etwas mitteilen wollte. Ich schaute das Mädchen an. Sie erwiderte den Blick und sagte, dass sie Clara heiße und ihr Bruder Mariano. Sie sprach mich nicht direkt an (auch wenn sie mich dabei ansah); wie einen Ball warf sie es in den Raum.
»Rate mal, wie meine Mama heißt!«, fragte sie.
Die entsetzte Frau antwortete lächelnd, sie wisse es nicht. »María«, dachte ich. »Isabel«, sagte das Mädchen. »Und wie heißt du?« Die Frau tauschte einen amüsierten Blick mit der Mutter aus. Die warnte sie: »Wenn Sie mitmachen, ist sie nicht mehr zu bremsen.«
»Das macht mir nichts«, erwiderte die andere. »Ich habe selbst drei Töchter.«
Sie erklärte, dass sie in ihren Augen immer Kinder bleiben würden, auch wenn sie jetzt schon erwachsen seien. Die Älteste von ihnen sei zweiundzwanzig und würde in einem Monat »unter die Haube kommen«. Sie sagte das voller Vorfreude.
»Herzlichen Glückwunsch«, gratulierte die alte Frau auf dem Sitz gegenüber.
Der Typ lachte mit offenem Mund, ohne dabei einen Laut von sich zu geben. »So ein Trottel«, dachte ich. Seine Zähne waren gelb. Ich fand ihn peinlich.
Die Frau hatte ein Gespräch mit dem Mädchen angefangen. Aber sie sprach mit lauter Stimme und richtete ihre Worte an alle um sie herum. Sie schrie wohl so, um uns zu zeigen, wie kommunikativ sie war und wie schnell sie jedes Kind ins Herz schloss. Denn selbst wenn die Leute sich nicht unterhalten wollen, heißt das noch lange nicht, dass sie es auch zeigen. Die Frau drückte sich gewählt aus und wandte sich in widerlicher Höflichkeit abwechselnd an Tochter und Mutter; sie ließ die Frau gegenüber und alle, die wollten, an ihren geistigen Ergüssen teilhaben. Den armseligen Typen, zum Beispiel. Sie sagte etwas, das wohl lustig sein sollte, und schaute um sich, ob wir lachten. Es war offensichtlich, dass sie unsere Zustimmung erwartete. Ich lachte nicht. Warum sollte ich mit jeder Dummheit einverstanden sein, die diese Frau von sich gab?
Stattdessen beobachtete ich sie peinlich genau. Sie trug ein Kostüm aus blauer Wolle und hochhackige Schuhe. Offensichtlich kam sie aus besseren Verhältnissen als die Mutter des Mädchens; dies zeigte sie beim Sprechen durch ihre feinen Gesten. Ich glaube nicht, dass sie es absichtlich tat, um die Frau zu demütigen (oder uns, die anderen Fahrgäste, den Typen oder den Mann, der sich schlafend stellte); es hatte auf jeden Fall einen anderen Grund, Weltfremdheit zum Beispiel. Ich dachte: »Diese Frau musste den Zug nehmen, weil ihr Ehemann sie in der Stadt hat stehen lassen, verloren in irgendeinem Einkaufscenter oder bei einem Gläschen (haha). Was man eben so über Bonzen sagt: Die haben Angst, eine Riesenangst vor Zügen, vor dieser tagtäglichen Ansammlung von Köpfen auf Schienen. Wenn sie nicht ständig lautstark Zuneigung zu denen heuchelte, wären sie schon längst über sie hergefallen.« Auf dem Schoß hielt sie ein Fotoalbum und eine lilafarbene Handtasche.
»Und du, wie heißt du denn?«, fragte das Mädchen erneut.
»Norma.«
»Und mein Papa, wie heißt der?«
»Das weiß ich nicht.«
»Rate mal!«
»Ich weiß nicht, ich bin nicht gut im Raten.«
»Andrés heißt er.«
»Aha, Andrés.«
Das Mädchen fragte noch einmal, wie ihr Bruder und ihre Mutter hießen; die Frau hatte es schon wieder vergessen. »Mariano und Isabel«, hätte ich fast geantwortet, aber ich verkniff es mir. Warum sollte ich bei diesem Kinderkram mitmachen? Das Mädchen sagte: »Mein Bruder heißt Mariano und meine Mama Isabel. Und mein Papa Andrés. Was hast du da?« Sie zeigte auf das Fotoalbum.
»Fotos«, antwortete die Frau. »Fotos von meinen Töchtern. Willst du mal gucken?«
»Ja!«
Die Frau holte mit einem Blick das Einverständnis der Mutter ein; das Mädchen forderte: »Gib her!«, und versuchte, ihr das Album aus den Händen zu nehmen. Aber die Frau hielt es fest umklammert und wurde nervös, als sie spürte, wie das Mädchen daran zog. Sie presste das Album an sich. Die Mutter gab dem Mädchen einen Klaps auf den Arm: »Lässt du das wohl, das gehört der Frau!«, schimpfte sie. Danach war einen Augenblick Ruhe und die Frau streichelte dem Mädchen über den Kopf. »Das macht mir nichts, lassen Sie sie nur«, sagte sie. Das Album aber rückte sie nicht heraus. »Die Alte ist nicht dumm«, dachte ich. »Sie tut so vertrauensvoll, aber wenn sie etwas hergeben soll – nichts da!« Das gefiel mir. Die Frau schlug das Album auf. Es hatte einen weißen Einband und eine goldene erste Seite, die sie nun umblätterte, damit wir die Fotos sehen konnten. Sie zündete sich eine Zigarette an.
Wir erreichten gerade Liniers. Selbst mit verbundenen Augen hätte ich das gemerkt. Bis zu diesem Zwischenfall, wegen dem ich ein Jahr im Gefängnis war, hatte ich in Liniers gelebt. Dort, wo ich jetzt wohne, ist es wesentlich besser, viel sauberer. Und Gott sei dank ist es weit entfernt vom Armenviertel. In Liniers lebten wir direkt neben dem Armenviertel, ich und meine Frau Francisca, die nicht mehr ist (und zwar aus diesem gleichen Grund; ich werde es nicht mehr erwähnen, denn ich muss es irgendwie vergessen).
Der Zug hielt am Bahnsteig. Ich schloss die Augen und spürte, wie die Leute mich noch stärker gegen die Sitzkante drückten, ich bemerkte auch das verärgerte Stimmengewirr und dass die Türen zugingen. Mit einem Ruck fuhren wir los. Ich öffnete die Augen und es war, als könnte ich erst jetzt wieder atmen.
Die Frau zeigte dem Mädchen ihre Fotos. Verzückt betrachtete sie die unbekannten Gestalten.
»Das sind Paula, María Elena und Sofía. Meine drei Töchter, als sie noch ganz klein waren. Paula ist inzwischen groß, sie überragt sogar mich und bald heiratet sie.«
Sie zeigte ein Foto von Paula als Baby und eines, auf dem sie im Alter des Mädchens war.
»Das ist Paula, als sie so klein war wie du jetzt.«
»Wie alt ist sie?«, fragte das Mädchen.
»Zweiundzwanzig, sie ist schon groß – und verlobt.«
Das Mädchen deutete auf das Foto und schlug die Hand vor den Mund. »Zweiundzwanzig ist aber ganz schön alt!«, sagte sie und die Mutter lachte. »Glaubst du wirklich, dass sie auf dem Foto zweiundzwanzig ist?«, amüsierte sie sich. Dem Mädchen war es ernst.
»Nein, nein, nein«, rief die Frau und klärte das Missverständnis auf. »Das Foto wurde gemacht, als sie noch klein war. Da kann sie doch keine zweiundzwanzig sein! Gerade mal sieben ist sie da!«
Das Mädchen riss die großen dunklen Augen auf: »Und der da? Wer ist das?«
»Der Papa. «
»Mein Papa heißt Andrés«, wiederholte sie beharrlich.
Der Typ folgte mit offenem Mund begeistert der Unterhaltung. Mir kam in den Sinn, mit dem Kopf in ihre Richtung zu deuten und boshaft zu fragen: »Die sind blond, was? Schade, dass du nie so eine haben wirst. Nicht mal, wenn du eine Frau im Zug vergewaltigst.« Selbstverständlich stellte ich die Frage nur in Gedanken. Es ihm tatsächlich ins Gesicht zu sagen, wäre ein unbegründeter Angriff gewesen, eine echte Unverschämtheit. Das tun andere Leute, die sich nicht benehmen können.
Die Frau sagte: »So, das waren alle Fotos.« Sie schloss das Album. Das Mädchen bat, die Fotos noch einmal sehen zu dürfen, und die Mutter ermahnte sie, ruhig zu sein.
»Kein Problem, ich schaue die Fotos doch auch gern an, natürlich können wir noch einmal von vorn anfangen.«
»Wie heißt du?«, fragte das Mädchen.
»Norma. Du bist ja vergesslich wie eine alte Frau!« Sie nahm es bei der Hand. »Wie alt bist du denn?«
»Sechs«, antwortete das Mädchen. »Und du?«
»Wie bitte?«
Die Mutter gab dem Mädchen einen Klaps auf den Kopf, damit sie nicht weiter unangenehme Fragen stellte.
»Wie alt bist du denn?«, nahm sie ihre Frage wieder auf.
»Jetzt bin ich aber mal gespannt«, sagte die alte Frau auf dem Sitz gegenüber. »Hundert«, dachte ich gehässig. Die Frau erklärte der Älteren, dass sie jemand sei, der das Älterwerden akzeptiere, und es ihr nichts ausmache, ihr wahres Alter zu verraten. Danach sah sie wieder das Mädchen an und erklärte: »Zwanzig plus zwanzig plus sieben, so alt bin ich. Siebenundvierzig. Und eine meiner Töchter heiratet schon.«
Sie geriet zusehends in Begeisterung und sah die alte Frau an, als wollte sie sagen: »Hast du gesehen, das war kein Problem für mich«, und um zu unterstreichen, wie freimütig sie war, fügte sie hinzu: »Ich habe sechs Kilo zu viel drauf, und die müssen für das Fest noch runter.« Die Mutter lachte schallend; der Junge auf ihrem Schoß patschte ihr ins Gesicht, damit sie ihn beachtete.
Ich sah mir die anderen Menschen an, die um die Sitzbänke standen. Einige schenkten dem Album der Frau mehr Aufmerksamkeit als andere, diesen Fotos, die das lästige Warten erträglicher gemacht hatten.
Das Mädchen fragte: »Ist das Sofía?«
»Nein, Sofía ist die mit den Zöpfchen. Das ist Paula mit dreizehn Jahren, bei ihrer Erstkommunion.«
Auf dem Foto war ein hübsches Mädchen zu sehen, mit braunem langem Haar, einem weißen Kleid und zum Gebet gefalteten Händen. Die Haltung war eindeutig; es waren alles Standardfotos. Das mit den nackten Babys auf dem Bett, das von der großen Feier zum fünfzehnten Geburtstag beim Tanz mit dem Cousin, das mit dem Schulleiter, der Paula das Abschlusszeugnis überreicht, das von den Absolventinnen mit der Lieblingslehrerin in der Mitte. Fotos, wie sie stolze Mütter eben aufbewahren, und dabei glauben, es für die Zeit zu tun, »wenn ihre Töchter älter sind«. Die gesamte Vergangenheit ihrer Kinder, die zugleich ihre eigene ist, auf dreißig Pappseiten.
»Die Frau kann in fünf Minuten die schönsten Augenblicke ihres Lebens zeigen«, dachte ich, »und darüber hinaus gönnt sie sich den Luxus, sie für die Zeit aufzubewahren, in der ihr Gedächtnis eine Stütze gebrauchen könnte. Mit diesem Album wird sie sich später einmal an verregneten Abenden die Zeit vertreiben.«
Die Frau schlug das Album zu und das Mädchen bat: »Noch mal!«
»Herrje, heute Nacht träume ich noch von dir!«
Ich weiß, dass sie sich nur interessant machen will. Sie würde es noch dutzende Male aufschlagen, um uns ihren Schatz zu zeigen. Einen Schatz, der Juwelen enthält, die nur sie sehen kann. Welchen Wert sollte diese ungeordnete Sammlung belangloser Augenblicke aus dem Leben einer Unbekannten für uns haben? Welchen Nutzen hat sie für die Mutter des Mädchens oder den Typen? »Obwohl«, grinste ich, »vielleicht hätte der Typ sich ein heißes Foto von Paula im Tanga ausgesucht, um es sich ins Bad zu hängen.« Ich schaute mir erneut das Foto von Paula und María Elena an der Hand ihres Vaters mitten auf einem Platz an. Ein fürchterliches Bild, auf dem sie dem Vater mit einem weißen Rahmen den Kopf abgeschnitten hatten. Und sie war auch noch stolz auf diesen bunten Blödsinn. Wahrscheinlich war ihre einzige Sorge, bis zum Monatsende sechs Kilo für die Hochzeit ihrer Tochter abzunehmen. Wir erreichten Morón. Ich dachte Folgendes:

»Mein Fotoalbum ist der Zug. Die Haltestellen sind die kleinen Bilder, die man betrachtet, während man alt wird. Once ist das Warten und gleichzeitig das Gefängnis. Flores ist wie eine Landschaft in Bariloche, ein Foto, das leicht zu übersehen ist, aber eine gewisse Ruhe verbreitet, einen Luft holen lässt. Liniers ist die unmittelbare Vergangenheit, Francisca, wie sie sich über das Armenviertel beschwert, und ist ebenso das Vergessen. Morón ist das Foto meiner eigenen unerreichbaren Hochzeitsfeier, der ärmlichen Wohnung, des persönlichen Elends, der gegenwärtigen Einsamkeit.«

Die Frau verabschiedet sich von den anderen und sagt zu dem Mädchen: »Gott schütze dich!« Und ehe ich mich umdrehe, höre ich sie sagen: »Sei offen und freundlich zu allen, auch wenn du sie nicht kennst, aber geh nie mit einem Fremden mit.«
Die Türen öffnen sich, und ich steige aus. Nach mir steigt die Frau aus. Sie geht schnell an mir vorbei und lächelt mir zu. Sie verlässt den Bahnsteig über die hintere Treppe.
Ich folge ihr, als reiße ihr Gang mich mit. Ich bemühe mich, geräuschlos aufzutreten, um unbemerkt zu bleiben. Sie dagegen stöckelt lautstark vorwärts. »Sie macht wohl so viel Lärm, weil sie nicht auf hohen Absätzen laufen kann oder weil sie Angst hat.« Sie schlenkert mit der Handtasche und hält das Album an die Brust gedrückt.
Wir erreichen eine dunkle Straße mit kleinen und größeren Häusern. Nur schwach wird sie von den Lämpchen in den Hauseingängen und einigen Straßenlaternen beleuchtet. Sie ist wie ausgestorben. Die Frau ist die Einzige, die Lärm macht, Schritt um Schritt. Diese Welt aus Absatzgeklapper auf Pflastersteinen ist die Hölle. Ich ertrage das nicht, mein Blick vernebelt sich. Ihr Körper ist ein Schatten in einer Wolke. Sie tritt auf die Straße, überquert sie und läuft auf der anderen Seite weiter. Mit zwei Sätzen hole ich sie ein, da dreht sie den Kopf und sieht mich. Sie erschrickt, versucht noch, ihre Schritte zu beschleunigen, aber ich packe sie am Arm und drücke sie gegen die Hauswand.
»Gott, nein!«, schreit sie.
Ich hole das Messer aus der Jackentasche, klappe es mit einem Handgriff auf und halte es ihr an den Hals. Mit der Linken ziehe ich sie am Haar zurück, damit sie den Kopf oben hält. Ihr Wimmern durchbricht kaum merklich die nächtliche Stille.
»Wenn du schreist, schlitz ich dich von einem Ohr zum andern auf!«
Sie keucht verzweifelt. »Was wollen Sie?«, stößt sie hervor. Sie hält mir die Handtasche hin, aber ich nehme sie nicht. Warum sollte ich ihr die Handtasche wegnehmen? Plötzlich schluchzt sie laut auf: »Sie tun mir weh!« Die Schneide meines Messers hinterlässt einen kleinen Kratzer, wie ein Gleis, eine Spur auf ihrem weichen Hals. Sie wirft die Handtasche und ihre Armbanduhr zu Boden.
»Die ist aus Gold«, schreit sie, »das ist eine Golduhr! In der Tasche ist eine Menge Geld!«
Wenn ich noch ein wenig fester drücke, schneide ich ihr in die Haut. Nur ein kleines bisschen fester. Es darf doch wohl nicht wahr sein, dass diese alte Schlampe es nicht kapiert?
»Ich will kein Geld!«, presse ich zwischen den Zähnen hervor.
Entsetzt reißt sie den Mund auf. Kann eine Frau wirklich so dumm sein? Oder tut sie nur so, als begreife sie nichts?
»Das Album«, sage ich. »Ich will das Fotoalbum.«


Gustavo Nielsen: "Fotos" (traducido por Anna Luther y Lisa Niederau), en: Vera Elisabeth Gerling y Karolin Viseneber (ed.): Voces. Cuentos argentinos. Stimmen. Argentinische Erzählungen. Düsseldorf: düsseldorf university press 2010, pp. 168-195

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Gustavo Nielsen nació en Buenos Aires, en 1962. Es arquitecto y escritor. Como arquitecto ha realizado obras en Capital, Buenos Aires, Córdoba, San Luis y Montevideo. Desde 2008 comparte el Galpón Estudio en el barrio de Chacarita junto a los arquitectos Ramiro Gallardo y Max Zolkwer. Ha ganado el Tercer Premio para el Parque Lineal del Sur (asociado a Max Zolkwer), el Primer Premio para el Oasis Urbano Magaldi Unamuno, Tercer Premio Cenotafio Las Heras y Mención en el Oasis Boedo (asociado a Max Zolkwer y Ramiro Gallardo), Mención en el MPAC (asociado a Sebastián Marsiglia), Mención en el Pabellón Frankfurt 2010 (asociado a Max Zolkwer y a Sebastián Marsiglia) y Primer Premio en el concurso internacional para el Monumento a las Víctimas del Holocausto Judío (también asociado a Sebastián Marsiglia). Escribe notas sobre ciudad y diseño en el suplemento Radar, de Página 12. Ha publicado “Playa quemada” (cuentos, Alfaguara), “ La flor azteca” (novela, Planeta), “El amor enfermo” (novela, Alfaguara), “Marvin”, (cuentos, Alfaguara, "Auschwitz" (novela, Alfaguara)y “Adiós, Bob” (cuentos, Klizkowsky Publisher) , “Playa quemada” (cuentos, Interzona), “La fe ciega” (cuentos, Páginas de Espuma, Madrid), “El corazón de Doli” (novela, El Ateneo) y “La otra playa” (novela, Premio Clarín Alfaguara 2010).

gesnil@gmail.com

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