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6.13.2009

FABIANAS AUGENKREIS

FABIANA IST BLIND.
FABIANA KANN NICHT MEINE SEELE SEHEN.
FABIANA KANN DIE LEUTE NICHT VONEINANDER UNTERSCHEIDEN.
FABIANA SIEHT NICHT, WAS JETZT GESCHIEHT,
UND AUCH NICHT DIE ZUKUNFT.
FABIANA IST BLIND WIE IHRE MUTTER.

1
Ich hatte dieses Plakat an eine Wnad geklebt, das war im Februar, genau dem Monat, als wir uns stritten, und darum habe ich sie blind gemacht. Ich bin Fabianas Verlobter, seit langem schon. Ihre Augen sehen immer schlechter. Ich war von einer Reise zurückgekehrt und hatte als erstes ihren Liebesbrief vorgefunden, er ragte, zu einer kleinen Kanone zusammengerollt, aus dem SchlÜsselloch und verteidigte das geheime Vergessen des menschenleeren Hauses; eine Kanone, die auf mich zielte und mich erschloss, noch bevor ich eintrat. Ich rollte sie auf und las: BITTE VERZEIH MIR. Immer dasselbe. Eines Tages werden wir uns noch ernsthaft streiten müssen. Grunde gibt es verschiedene; einen, den Hauptgrund, nannte meine Mutter: Wenn ich Fabiana heirate, werden wir Kinder mit Retinitis haben. Kinder, die blind sein werden. Meine Mutter schimpft mit mir wegen allen. Ich erzähle ihr von Fabiana, und sie sagt, sie will sie nicht mal sehen. Genau so: „NICHT MAL SEHEN“. Fabiana sage ich davon nichts, und wenn sie mich fragt, warum wir nicht nach José León Suárez fahren, um bei meiner Mutter zu essen, sage ich, das wäre so weit weg. Ich werde ihr nicht erklären, dass es darum ist, weil ihre Kreise unbestimmt sind; weil die Leute „sehen oder nicht sehen“, allerdings nicht das, woran sie uns gewöhnt hat. So ist es.
Für den Tag, an dem wir miteinander schlafen wollten, kaufte ich eine Garnitur schwarze Bettwäsche. Fabiana ist weiβ wie Joghurt; auf dem schwarzen Laken würde sie hell leuchten. Die Bettwäsche war mit kleinen Teufelchen bedruckt, das fand ich toll. Fabiana sagte: „Sind die hübsch, die Blumen!“, und ich musste fast losheulen. Geblümte Bettwäsche gibt es viel, Bettwäsche gibt es geblümt. Ich hatte die Garnitur wegen der Teufelchen gekauft. Sie erwartete mich mit gespreizten Beinen, saβ auf dem Bett, ohne meine Beklemmung zu ahnen. Da hatte ich keine Lust mehr. Ich erzählte Mama davon, und sie regte sich ziemlich auf.
Zuerst erzählte ich es Lidia, meiner groβen Schwester, und sie wurde ganz nachdenklich. „Lässt sich da was machen, Gustavo?“, fragte sie. Lidia ist drei Jahre älter als ich. Ich antwortete. „Ich glaube nicht“. In meinem Zimmer ist ein Spiegel, und Lidia sieht sich gern im Spiegel an. Sie zog das T-Shirt aus, um sich die Brüste zu befühlen (alles vor meinen Augen). Dann kam sie ganz nah an mich heran, sie sagte: „Dieses Mädchen passt nicht zu dir“, und drückte sich an mein Gesicht. Lidia hat wuderschöne Brüste, schöner noch als die von Fabiana, da quillt das Fleisch nämlich richtig über, wenn sie mir die in den Mund schiebt. Sie müssen sogar noch schöner sein als die von Fabianas Mutter, die wircklich blind ist. Die Krankheit hat bei ihr gewissermassen schon zu der Blindheit geführt, die Fabiana noch erwartet. Lidias Brustwarzen sahen aus wie zwei vor Staunen aufgerissene Kulleraugen.

Wir gingen in einen Gangsterfilm. Zu Feier des Tages, weil wir uns wieder vertragen hatten. Das war vor der sache mit der Bettwäsche, ich weiss gar nicht, warum mir das jetzt wieder einfällt. Fabi geht wahnsinnig gern ins Kino, obwohl sie immer einschläft.
Einmal habe ich es ihrer Mutter erzählt, und sie sagte: „Das machen diese nutzlosen Höhlen hier“. Dabei schloss sie die Augen und massierte sie vorsichtig, als Therapie. Ich hatte damals noch keine Ahnung, dass die Krankheit erblich ist und innerhalb weniger Jahre ausbrechen würde. Mit zweiunddreiβig Jahren könnte sie überhaupt nichts mehr sehen (und fabiana war noch ganz klein). Sie überspielten das aber immer. Mir fiel plötzlich ein, wie sie einmal in eine Austellung gehen wollte. Fabi erzählte die ganze Zeit, was es bei dieser Ausstellung zu sehen gäbe, „wie das eine Verlobte eben so macht“. Sie glaubte, ich würde meine Mutter in die Kunstgalerie mitnehemn wollen, ich sagte aber: „Sie wohnt so weit weg“.
„Das macht nichts“
„Ich zeige sie dir ein andermal.“
Ich hätte schwören können, dass ihre Mutter die Kranheit nicht hatte, darum sage ich, sie haben es geschickt überspielt. Sie kamen Arm in Arm, mit Fabiana, und ihre Mutter deutete auf die Bilder an der Wand, als hätte sie ihre Freude an ihnen. Man konnte glauben, dass sie sie aufmerksam analysiere. Bei einem Gemälde mit vergoldetem Rahmen beugte sie sich kurz vor. Sie trug ein graues Sommerkleid mit grβoen Ausschnitt, und ich konnte ihren BH sehen. „Das hier gefällt mir besonders“, sagte sie. Fabiana fing an zu lachen. Als wir wieder zu Hause waren, klärte sie mich auf: „Ich habe sie extra vor das kleiste Bild von allen bugsiert, damit sie das sagt. Sie will das so. SIE TUT, ALS OB SIE SIEHT, SIE SCHÄMT SICH NÄMLICH“.

Bei einem Gespräch mit meiner Schwester Lidia sind mir viele Dinge klar geworden. Lidia ist ein klarsichtiger Mensch, obwohl sie manchmal ihren Verstand dazu benutzt, um mich zu ärgern. Sie fregte mich, ob Fabi mit ihrer Mutter zusammenlebt, und ich sagte ja. Die beiden allein. Da meinte sie, wenn sie abends nach Hause kommt, sein müsse, als trete sie ihrem Schicksal gegenüber, dem, was später unausweichlich auch mit ihr passieren würde. „Man muβ schon sehr stark sein, um das zu ertragen“. Danach lehnte sie sich vom Tisch zurück, drehte sich auf dem Stuhl, sodass sie mir den Rücken zuwandte, und machte eine merkwürdig klingende Bemerkung. Ich verstand nicht die einzelnen Wörter, bekam aber sehr wohl den Tonfall mit. Sie setzte sich wieder normal hin, und wir sprachen kein Wort mehr, durch die geöffneten Fenster sogen wir die Dunkelheit des Abends ein. Ich mag diese Tageszeit , meine Schwester wird dann schwärzer, und ihre Augen sehen wie die Brustwarzen aus, aber umgekehrt, von der anderen Seite des Körpers gesehen, aus dem Innern der Brust (ich spüre, dass es so sein muβ ). Als ich mir das Gespäch zwischen uns beiden noch einmal durch den Kopf gehen lieβ, fühlte ich mich schlecht; ich weinte sogar. Gegen zwei Uhr morgens fing ich dann an, vor der offenen Kühlschranktür Mandarinen zu essen. Mandarinen sind ein Obst, bei dem ich gute Stimmung bekomme.

„FABIANA IST SCHON IMMER EIN LEERES GLAS“; darüber sprach ich mit Mama. Ich hatte es auf einer Seite in meinem Heft notiert und brauchte ihren Ratschlag. „Sie ist ein Gefäβ mit mit einen Tränendurchfeuchteten Schwamm, in das ich auf dem schwarzen Laken eindringe. Der Schwamm wird zusammengedrückt, und sie weint. Das Laken und die Matratze sind danach feucht, und sie ist leer, ein leeres Glas. Anschlieβend muss sie wieder ihre Tränen erzeugen und sich randvoll mit lichtlosen Bildern füllen.“
Mama hört mir zu.
„Es sind Augen, die nur zum Weinen taugen. Das sagen ihre Ärzte. Ich stecke ihn ihr tief rein, und sie lässt den Saft herauslaufen. Die übrige Zeit diskutieren wir über die Themen, die sie langweilen und sie verrückt machen“.
Mama steht auf, stellt sich vor mich hin und knallt mir eine. Das Gesicht brennt. Ich werde in Zukunft vermeiden, über diese Dinge zwischen Mann und Frau vor ihn zu reden.

Ich dachte darüber nach, wie das mit den Kindern ist, und Fabiana sagte zu mir. „Wenn meine Mutter genauso gedacht hätte, dann würden wir jetzt hier nicht sein und vögeln“.
„Der Unterschied ist, dass sich deine Mutter keine Kinder vorgestellt hat, ich aber ja: Ich habe von Ihnen geträumt. Ich habe sie in schnellen Bildern gesehen, wie vom Fenster eines Zeuges aus, ich habe mit meinen Augen vor sie gewartet. Ich habe mich gefragt, Fabi: Warum? Warum sehen sie mich nicht?“
„Ich, ich sehe dich.“
„Ja, aber deine Mutter nicht. Es ist eine Frage der Zeit.“
„Des Altwerdens.“
„Der Augen.“
Anders als ich gedacht hatte, interessierte sie das Thema Kinder und Gene herzlich wenig. Lidia erklärte mir, das sei nicht etwa so, weil sie ein Luder wäre, sondern weil sie krank ist. Lidia glaube ich, wiel sie schon siebenunddreiβig Jahre alt lang bei Verstand ist.

An dem Tag, als wir am Strand waren, Lidia und ich in einer Düne und Fabiana ein ganzes Stück weit vor uns, fast direkt am Wasser. Sie war zum ersten Mal am Meer. Man hätte uns für ihrer Eltern halten können. Wir lachten. Lidia sagte, sie wäre gern Fabianas Mutter gewesen, damit sie eine andere Netzhaut hätte. Ich fand diese Worte so schön, so zärtlich, dass ich Lidias Mund suchte, um, ihr einen Kuss zu geben. Sie lieβ sich auf mich niedersinken. Ich berührte mit der Zunge ihren Gaumen, der voller Furchen und Risse war (nicht wie der von Fabi, der glatt ist), sabei schaute ich aber immer zum Ufer, um mit dem Küssen aufzuhören, falls Fabi sich umdrehte. Das Meer war durch ihren schmalen, den Horizont durchschneidenden Körper zweigeteilt. Ein Meer war links von ihr, das andere rechts von ihr. Das war das Einzige, was sie voneinander unterschied.

Fabianas Mutter stickt. Sie tut das mit Geschick. Ich bin so still, im selben Zimmer, und sie ist so konzentriert, dass sie denken muss, ich sei nicht gekommen. Fabi sieht ihr auch beim Sticken zu. Ihrer Mutter fällt der Fingerhut runter. Sie legt ihre Handarbeit in den Schoβ. „Der Fingerhut, Fabi“, sagt sie. Ich mache ihr Zeichen, sie soll ihn ihr nicht geben. „Bitte, der Fingerhut“; dann nicke ich, und sie bückt sich, um ihn aufzuheben. Der Fingerhut ist aber so weit gerollt, während Fabi auf meine Zeiche achtete, dass sie ihn auch nicht mehr findet. Und ich sage zu ihr:
„Da, Fabi.“
Beim Klang meiner Stimme schrickt ihre Mutter zusammen. Als hätte ich sie nackt gesehen.
„Wo?“
„Da. Siehst du ihn nicht?“
„Nein.“

Ich erzählte Fabiana davon, dass meine Mutter Augen wie ein Luchs hat. Ich war stolz. Lidia hatte gemeint, dass wir die guten Augen von ihr geerbt hätten, genauso wie die Farbe. Und dass sie sich mir ein bisschen unterlegen fühlt, weil bei ihr die Augenfarbe ins graue geht und sie nicht genau definieren lässt: bei den pechschwarzen Augen von mir und meiner Mutter ein schwerer Mangel. Ich erzählte, wie Lidia einmal ein Plakat gelesen hat, das hundertfünfzig Meter entfernt war und das von der Stelle, wo wir standen, nur als ein weiβes Oval wahrzunehmen war, mit roten Buchstaben darauf in Schreischrift („Stell Dir vor, Fabi, in Schreibschrift!“). Es war eine Werbung für Mineralwasser.

„Für Cola“, sagte Fabiana.
„Was sagst du?“
„Coca-Cola.“
Ich überlegte. „Ich hätte Lidia fragen sollen; ich glaub aber, ja, irgend so etwas muss es gewesen sein. Genau, Coca-Cola. Woher weiβt du das?“
„Das weiβ doch jeder. Sie hat es nicht gelesen. Sie hat es an der Form und den Farben erkannt.“
Sie hatte es geschafft, dass ich mich ärgerte.
„Du bist ja nur neidisch. Mama kann so gut sehen wie kein anderer.“
Fabiana schwieg einen Moment. Dann sagte sie schnippisch: „Wenn das so ist, dann stell sie mir vor. Ich möchte sie kennen lernen. Wir sind jetzt schon seit drei Jahren zusammen und waren noch nie bei ihr zum Essen.“
Fast hätte ich gesagt „Es ist so weit weg“, aber besser nicht.

Ich hatte die Vorstellung, es könnte mit ihr irgendwas Schlimmes passieren, und ich beeilte mich, die Kamera rauszuholen. Vorbeugen ist besser als heilen. Ich legte einen Zwölferfilm ein. Ich wollte sie so sehen, vor der Katastrophe; ich wollte eine Erinnerung an sie so haben. Die Woche darauf brachte mir meine Schwester die Abzüge. Es waren nur drei Bilder etwas geworden (von den zwölf!), und auf allen dreien hatte Fabi orangefarbene Augen. „Das Blitzlicht“, sagte ich. Lidia erwiderte: „Glaubst du?“. Ich blieb hart. Fabianas Augen sahen aus wie zwei kleine reife Früchte.

2
Natürlich habe ich kranke Augen, aber sie glauben, ich leide darunter mehr, als ich es in Wirklichkeit tue. Jetzt kann ich Gustavo sehen, wie er mir alle diese Dinge sagt, und ich sehe ihn ganz normal. Oder wenigstens, was ich für normal halte. Ich liebe ihn, obwohl ich diese sinnlose Diskussionen hasse. Ist es denn meine Schuld? Ich will eine gewöhnliche Verlobte sein, seine Mutter kennen lernen, und überhaupt. Er sagt, José León Suarez ist so weit weg, man muss mit dem Zug fahren, dann noch dreimal mit dem Bus umsteigen und weiβ ich, was. Er zeigt auf den Stadtplan und sagt: „Dieses kurze Stück hier ist ein Häuserblock, einverstanden?“
„Ja.“
„Hier sind wir. Man fährt durch die halbe Stadt, und in diese Gegend ist das Haus, wo ich Kind war .“
Das „in dieser Gegend“ deutet er mir mit einer Pendelbewegung der rechten Hand an.
„Du nimmst mir die Freude am Leben“, sage ich, und er wird wütend. Ich will nicht, dass er wütend wird.
Er schreit: „Fabi, siehst du nicht, dass du mir weh tust?“
Immer dieses Wort! Immer muss man alles sehen!
„Um eine normale Verlobte zu sein, muss man normal sehen können“, höre ich ihn vor Lidia herbeten.

Diese Lidia ist völlig zurückgeblieben. Sie war noch nie mit einem Mann zusammen, und das bei ihrem Alter. Ich kann sie nicht ausstehen, und sie mich nicht. Ich glaube, mit der Mutter muss es genauso sein. Das sie mich nicht leiden kann. Ich bin die Verlobte von Gus, keine Schlampe. Ich war schon mit ihm zusammen, als ich noch zur Schule ging, und er war erwachsen. Mir ist der Altersunterschied völlig egal, und Mama sagte: „Ist besser so, wo du doch keinen Vater hattest.“ Das hat damit gar nichts zu tun. Ich mag es einfach sehr, wenn er auf mir ist und mich streichelt. Ich habe dann das Gefühl, als würden mir Flügel wachsen. Ich mache die Augen zu. Einmal sagte er zu mir: „Lass dir Zeit mit dem Blindwerden“. Ich weiβ nicht, warum ich mir das von ihm gefallen lasse. Manchmal ist er ein richtiger Scheiβkerl, aber trotzdem, irgendwie ist er doch ein ziemlich anständiger Kerl, bei dieser Familie. Hysterische Ziegen, die. Manchmal kann er auch zärtlich sein, dann sagt er, dass meine Augen sich selber sehen, wenn ich sie zumache, sie beβien nach innen, und das Gift frisst die Netzhaut auf. Das ist vielleicht ein biβchen zärtlich. Er sagt auch andere Sachen, aggressiverer. Seine Worte sind dieses Gegrunze, bei dem ich zittern muss. Am Ende fängt auch sein Körper zu beben an, ganz zaghaft, bis er langsam kommt. Ich spüre, wie mir ein Saft die Beine runterläuft. Dann fängt er an zu weinen, und ich frage ihn, warum. Er sagt. „Es ist nichts, Fabi.“ Ich denke nicht, dass ich leer bin, und ich beiβe mir auch nicht von innen in die Augenlinder. Ich mache die Augen zu, weil ich mich so am besten fühle.
„Nichts, Fabi. Ich weine um dich.“

Mit der unausstehelichen Lidia rede ich fast nie. Sie sagt, sie weiβ, dass ihrem, Blick ausweiche. Grundlos setzen sie solche Behauptungen in die Welt. An dem Nachmittag hatte ich mich wieder mit Gustavo gestritten, wegen einer Lappalie. Sie hatten mich eingeladen, mit ihnen an den Strand zu fahren, und ich sagte ihm das mit der Sonnenbrille. Wir gingen in das Optikergescháft von einem Freund, ich brauchte diese Sonnenbrille nämlich wirklich, es war keine Laune von mir. Der Optiker breitete jede Menge Modelle auf dem Ladentisch aus. Mir gefielen fast alle, ich konnte mich aber nicht entscheiden, weil sich mein Verlobter alle Mühe gab, mich nervös zu machen. „Du weiβt nie, was du willst“, sagte er. „Mit dir hat man immer nur Stress“. Ich versuchte, ihn nicht zu beachten. Bis er losschrie, wozu ich eigentlich eine Brille haben wollte. Ich sagte kein Wort. Das Geschäft war voller Leute. Und dann: „BEI DEN SCHEISSAUGEN, DIE DIR DER LIEBE GOTT GESCHENKT HAT.“Da wusste ich, dass ich weg musste von ihm. Ich ging allein aus dem Laden, bahnte mir einen Weg durch das Gedrängel, kaufte nichts. Wortlos. Ich fühlte mich hundeelend, ich ich ging schnurstracks in seine Wohnung, um meine Schallplatten zu holen, ich hatte nämlich beschlossen, mit ihm für immer Schluss zu machen. Das Maβ war voll.
In der Küche sah ich Lidia mit dem Rücken zum Tisch sitzen, ohne T-Shirt, der Kühlschrank stand offen. Ich ging näher, um zu sehen, was sie macht, und sie aβ Mandarinen. Der Saft lief ihr in Strömen über die Brüste. Ich bekam einen Schreck. Ich dachte, was passiert wäre, wenn er hereingekommen wäre. Lidia sprang vom Stuhl auf, als hätte sie meine Gedanke gehört, erschrocken bedeckte sie sich mit den Händen. In Saft gebadet. Ohne Zweifel hatte ich sie überrrascht, aber das war mir auch egal. Ich stürmte ins Zimmer, um meine Platten zusammenzusammeln. Das Bett war zerwühlt, und sogar die Teufelchen lachten über mich. Wütend kam sie hinterher, jetzt mit T-Shirt.
„Was machst du“, sagte sie.
„Das geht dich einen Scheiβ an“
„Wie kommst du dazu in den Sachen von meinem Bruder herumzuwühlen?“
„Ich haue ab. Ihr kotzt mich an, alle beide.“
„Ah, ja“, sagte sie und grinste. Die Nachricht hörte sie gerne. Man sah es ihr an. „Dann gehst du endlich.“
„Ja.“
„ich kotze dich also an?“
Wütend schmiss ich die Schallplatten aufs Bett. „Du, der Vollidiot von diesem Bruder und euer Frau Mutter, die man nicht zu Gesicht bekommt“. Ich sah, wie sie die Arme an sich presste, als würde sie jeden Moment losheulen. Ich wusste, irgendwas war passiert, etwas Merkwürdiges. Als folge der Explosion, die meine Worte in ihrem Gesicht ausgelöst hatten. Ich schaute mich um und wollte wissen, was anders geworden war. Es überlief mich eiskalt.
Was sagst du da, scheiβ Blinde“, flüsterte sie. „Lerne gefälligst, mit Respekt von einer Tote zu sprechen.“
Ich stand da, hörte sie, brachte kein Wort hervor.
Fast wáre ich ohnmächtig geworden.

Ich fuhr doch mit ihnen an diesen Strand. Gustavo war in bester Laune und fragte mich alle Augenblicke: „Ist was mit dir?“, als wäre alles prima und nur ich wäre der Spielverderber. Lidia beruhigte mich noch am selben Tag. Meine Reaktion hatte sie so beeindruckt, dass sie mir alles gleich erzählte. Man konnte glauben, wir wären Freundinnen. Die beiden Tage lang vermied ich es, mit Gustavo zu sprechen. Ich lieβ die Augen auf, wenn er mit mir schlief, und er freute sich. Dass er nicht merket, wie weit weg ich von diesem Strand war! „Deine Mutter-tot“, dachte ich. „Das ist schon passiert, als wir noch Kinder waren“, erklärte Lidia. Sie erzählte alles unter dem Siegel der Vergschwiegenheit. Dazu Empfehlungen von der Art: „Verletze ihn nicht. Armer Kerl, er ist über diesen Tod nie hinweggekommen. Ich versuchte, ihm zu helfen, so gut ich konnte, und erzählte ihm, Mama würde zu Hause auf uns warten. Er glaubte es auch, und irgendwas in seinem Innern, ein Selbstschutzmechanismus, hielt ihn davon ab, den Zug nach Suárez zu nehmen.“
„Wie absurd.“
„Darum ist er nie mit dir hingefahren. Er hoffte, dass du ganz blind wirst. Dann müsste er dir niemanden zeigen. Blinde lassen sich an der Nase herumführen. Ich hatte es auch gehofft, mehr, um bei ihm die Illusion aufrecht zu erhalten, als aus irgendeinem anderen Grund. Entschuldige, du hast ja gesehen, wir hängen sehr aneinander.“

Und ob sie sehr auseinander hängen. Ich weβi , was sie hinter meinem Rücken machen, hinter dem Rücken des Meeres und dem von Fabiana, die den Wellen zuschaut, sie sitzen da oben in den Dünen, berühren sich, lachen und küssen wie Brautleute. Das Meer sehe ich durch einen Schleier von Tränen. Gustavo hatte zu mir gesagt, ich wäre ein Gefäβ . „Ich lasse meinen Löffel in die Tiefe des Gefäβ es ausruhen. Die Flússigkeit darin ist nicht mehr das Wasser deiner Tränen, Fabi, sondern eine Medizin, die uns im Krankenhaus verschrieben worden ist. Von den Ärzten, ja.“
„Du darfst ihnen nicht glauben“, sage ich zu ihm.
Wir müssen nichts von ihnen kaufen. Sie sind es, die die Retinitis verkaufen, ohne von den anderen Dingen eine Ahning zu haben. Auf den Röntgenbilder ist nicht der Zungenkuss zu sehen, den du jetzt deiner Schwester gibst. Auf den Röntgenbildern ist nicht das Meer zu sehen. Nicht mein Blick auf das Meer, der jetzt verschleiert ist, weil ich heulen möchte. Nicht diese ganze verweste Angst in mir, die Angst vor dem Geheimnis um deine Mutter. Die Angst vor dem geheimen Menschen, mit dem ich zusammen war, die Angst vor der Frau, die ich an seiner Seite gewesen war. Zum Glück ist das jetzt vorbei. Endlich.

Beim Abendbrot hatte ich eine Stinkwut, und Lidia, dieses Miststück, sagte sachen wie: „Stör dich nicht an ihrer Leichenbittermiene, sie seht alles mit den Augen einer alten Frau, und wir sind jung“. Gustavo beugte sich immer wieder zu mir herüber, um mich zu fragen. „Ist was mit dir?“, mit einem Gesicht dabei wie von einem unglaublichen Vollidioten. Ich hatte noch kein Sterbenswörtchen verraten.
Gustavo sagte: „Hör auf, Lidia“
„Das weiss doch jeder.“
Er beugte sich zu mir herüber, um zu fragen: „Willst du, dass es wieder wird zwischen uns wie es war?“, und ich wollte ihm schon antworten, da klingelte das Telefon. Wer konnte wissen, dass wir hier waren, beim Essen in diesem Strandhaus saβ en? „Mama“ dachte ich. Gustavo lächelte und sagte mit strahlendem Gesicht: „MAMA“. Ich erzitterte. Lidia sprang auf, um abzunehmen. Als sie sich umdrehte, rechnete ich damit, dass sie sagen würde: „Mama möchte dich sprechen“, oder irgend so eine Hirnrissigkeit. Ich glaube, ich wäre ohnmächtig geworden, hätte ich nicht von ihr ein nachsichtiges „falsch verbunden“ gehört.
Gustavo beugte sich noch einmal zu mir herüber. „was ist los, FabiSollen wir abreisen?“
„Ja“, antwortete ich, „aber ohne diese Wahnsinnige.“

Wir fuhren zu zweit zurÚck, und während der Busfahrt fiel mir nichts besseres ein, als ihm zu erzählen, was ich wusste. So was Blödes von mir. Ich wollte nach Hause und die beiden nie wieder sehen, darum. Es war so einfach. Aber ich musste es kompliziert machen. Ich sagte zu ihm:
„Du bist verrückt. Deine Mutter ist schon vor Jahren gestorben. Es gibt sie nicht. Ich weiβ es von Lidia.“
Die Lippe zitterten ihm (ich kenne das, wenn er eine Schlippe macht). Still fing er an zu weinen, er wollte sich anschmiegen, um bei mir Zuflucht zu suchen, aber ich schob ihn wieder fort.
„Du hast bei mir nichts mehr zu melden. Ein Lügner bist du und glaubst deine Lügen auch doch. Du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich will dich nie wieder sehen.“
Er flöβte mir keine Angst mehr ein. Während der zwei Stunden, die wie gefahren waren, versuchte er, sich an mich zu schmiegen, ohne ein Wort zu sagen. Sein Schweigen kam einem Eingeständnis gleich, dass Lidia die Wahrheit gesagt hatte.

Als wir nach Hause kamen, wurde er schagartig ein anderer. Mit dem Eintritt in die Wohnung trat er gleichsam in ein neues Stadium des Wahnsinns. Er war mit allen seinen Kräften in Abwehrstellung. Ich hatte meine Platten zusammengesammelt und hielt sie, zusammen mit dem Kurzwellenradio, das ebenfalls mir gehörte, in den Armen. Die Tür zur Straβe stand offen. Wir brauchten uns nur Lebwohl zu sagen, da erwachte er aus der Erstarrung von der fahrt. Es war, als hátte ein Geräusch an seinen Verstand angeklopft und ihn in die Wirklichkeit zurückgebracht. Er sagte: „ich verstehe nicht, was mit dir los ist.“
Das war seine „Wirklichkeit“.
„Ich frage dich, was mit dir los ist, Fabi.“
„Was?“
„Du hast dir irgendwas einreden lassen.“
„Irgendwas, das mit deiner Mutter?“
„Aber ja. Du weiβ t doch, dass meine Schwester dich nicht leiden kann und uns auseinanderbringen will. Und dass sie dummes Zeug erzählt. Das hast du selner immer gesagt. Wie sollte ich so ein Geheimnis drei Jahre lang für mich behalten haben! Aber das schlimme ist, dass du das glaubst!“
Bei diese Worten hatte er die Hánde in den Hüften gestemmt. Ich fing am ganzen Körper zu zittern an. Jetzt sprach wieder der Gustavo, den ich kannte, bevor ich etwas wusste. Der, der mir Angst einflöβte. Der alte Gustavo, eiskalt und berechnend.
„Nie hattest du mit ihr gesprochen, aber einmal hat genügt, um drei Jahre fortzuwischen, in denen du mir geglaubt hast, deinem Schatz. Und alles, was wir zusammen erlebt haben? Du hast immer gesagt, dass sie eine Lügerin ist. Du wusstest es doch, fabi!Du kannst nicht fortgehen. Nicht, ohne dass wir das geklärt haben. Ich stehe da wie ein Trottel. Allein sterbe ich. Es ist aus mit mir.“
Ich setzte auf den Plattenstapel auf dem Fuβboden ab. „Ich ertrage deine Schwester nicht länger“, sagte ich.
„Was willst du, soll ich sie rausschmeiβen!“
„Ja.“
„Ich soll sie auf die Straβe werfen! Eine Geisteskranke, Fabi, hast du kein Mitleid!“
„Nein. Habe ich nicht.“
Er hielt sich den Schädel.
„Du bist doch bei Verstand, du solltest einen klaren Kopf bewahren und ihr verzeihen. Oder liebst du mich nicht mehr?“
Ich zögerte.
„Liebst du mich nicht mehr?“
„Doch“, sagte ich.
„Also!“
„Etweder deine Schwester oder ich.“
Und wohin soll ich mit ihr?“
„In ein Heim. Wohin auch immer.“
Ich nahm den Plattenstapel wieder hoch. Das führte zu nichts. Er wurde hektisch, fuchtelte wie ein Irrer mit den Händen und schrie: „Ist gut, ist gut, sie soll fort. Ich halte es auch nicht mehr aus mit ihr. Jetzt, wo du das erreicht hast, kannst du ja bleiben.“
„Da ist noch was“, sagte ich.
„Was.“
„Ich möchte deine Mutter jetzt sofort kennen lernen.“
Er schaute auf die Uhr.
„Es ist elf Uhr nachts“, erwiederte er mit einem Lächeln und glaubte, damit sei alles gesagt.
„Ja, und?“
„Es ist sehr weit. Wir sind erst nach halb drei da.“
„Mach nichts“
„Sie ist eine alte Frau.“
„Und?“
„Sie wird längst schlafen. Du willst sie doch nicht wecken, oder?“
„Das ist mir so scheiβegal.“
Er drehte sich weg.
„Aber diese alte frau ist meine Mutter!“, schrie er.
„Und?“
„Du hast kein Mitleid.“
„Das habe ich dir doch gesagt.“
Er senkte den Kopf und überlegte. Es war unmöglich zu wissen, ob er schauspielerte oder seien Worte ehrlich gemeint waren. Ich schwöre, ich wurde mir darüber nicht klar.
„Weiβt du“, sagte er dann, „ich glaube, du übertreibst ein bisschen mit deinen Forderungen. Seit wann schreibt mir eine Schlampe wie du, mit Retinitis, vor, was ich zu tun und zu lassen habe?“
Das wollte ich nur hören. Ich drehte mich um und schaffte drei Schritte zur Straβe, dann hielten mich seine Armen zurück. Ich fang an zu schreien und stampfte mit den Füβen, und zwar so sehr, dass mir zwei oder drei von den Schalplatten herunterfielen und aus ihren Hüllen rutschten. Er war sich seiner Sache sicher. Auf der Straβe war kein Mensch. Er schloss die Tür ab und steckte das Schlüsselbund in die Hosentasche. Ich lieβ die anderen Platten fallen und warf mich auf das Sofa. Halbtot vor Angst sah ich, wie er zu mir kam und sich neben mir setzte.
Als er nach einer Weilke den Mund auftat, sprach er mit sanfter Stimme. Ruhig erklärte er der Luft, den Plattenresten, dem Haus, dass seine Mama ein guter Mensch ist und ihn und seine kleine Braut Fabiana sehr lieb hat. Er sagte, dass er sie vom Telefon im Esszimmer anrufen will, damit sie beruhigt ist und damit Mammilein weiss, dass sie von ihrer Hochzeitsreise zurück sind. Ich bekam Gänsehaut. Gustavos Gesicht spannte sich vom Wahnsinn.
„Ich rufe sie gleich jetzt an und sage ihr: Möchtest du sie gern sehen? Du wirst sie sehen. Verstanden?“
„Lass mich gehen“, sagte ich.
„Nein, nein. Wir müssen daraus kein Drama machen. Du wartest hier im Sessel auf mich.“
Er stand auf und ging ins Esszimmer. Er schloss die Schiebtür, sodass ich eingesperrt war. Es ist eine Holztür mit groβen Glasscheiben. Ich stand auf. Von dort, wo ich war, konnte ich sehen, wie er am Telefon eine Nummer wählte. Obwohl ich nicht hören konnte, was gesagt wurde, war deutlich, dass irgendetwas schief lief, und ein Zittern ergriff mich. Er hob den Arm, als würde er schreien, trat nervös von einem Bein auf das andere. Als das Gespäch beendet war, knallte er den Hörer auf den Apparat. Ich sah die stufenweise Verwandlung in seinem Gesichstsausdruck, je näher er der Glastür kam, bis er mit einem Lächeln auf den Lippen vor mir stand. Ich musste mich selbstbewusst zeigen, entscholssen, zu gehen.
„ich habe mit Mama gesprochen“, sagte er. „Sie erwartet uns morgen zum Mittag“.

Es hatte keinen Sinn jetzt, es mit Gewalt zu versuchen oder zu schreien. „Jetzt, wo ich deinetwegen meine Mutter gestört habe, willst du nicht. Was bis du für ein mieses Stück. „
„Ich gehe. Ich kann hier nicht bleiben. Ich halte es nicht mehr aus“.
„Verdammt noch mal. Du bleibst, si wahr ich Gustavo heiβe. Ich habe keine Lust, mir deine Hysterie gefallen zu lassen.“
Ich glaubte er würde mich jeden Moment schlagen. Ich sagte ihm, ich würde im Sessel schafen, und er schrie mich wieder an. Er war auβer sich, bewegte sich völlig unkontrolliert, mit einer Aggresivität, die ich nicht kannte an ihm. „Was glaubst du eigentlich, wer du bist, du Dreckstück! Was soll ich meiner armen Schwester sagen, wenn sie vom Strand zurückkommt, nur weil du es dir so in den Kopf gesetzt hast! Du bist die Bösartigkeit in Person!“
„Nein“
„Doch. Dieses Halbblindsein macht dich bösartig.“
Ich weinte, am Rande der Panik. Ich wollte nicht dableiben, weil ich nicht wusste, was passieren würde. An diesem Ort war ich meines Lebens nicht mehr sicher. Er half mir aufzustehen und mich auszuziehen, und je mehr ich weinte, desto friedfertiger wurde er. Er benahm sich ganz zäretlich, als er begriff, dass ich mich schon geschlagen gegeben hatte. Auch seine Stimme klang nun sanfter. Schluchzend brachte er mich ins Bett. Er bestieg mich, und es war, als wäre ein Monster über mir, ein seltsames Wesen aus einer wilderwärtigen Welt des Horrors und der Dunkelheit.
Ich schlief nicht eine Sekunde. Ich schaute auf den Wecker, der auf halb acht gestellt war, und ich schaute auf ihn. Die ganze Nacht wartete ich darauf, dass irgendetwas passieren würde. Ich betete wie von Sinnen um mein Leben. Was hatte ich hier an der Seite dieses Geistesgestörten zu suchen? Wieso nahm ich ihm nicht die Schlüssel weg und machte mich auf und davon? Was band mich an dieses schwarze Bett? Um sechs fielen die erste Sonnenstrahlen durch das offene Fenster. Ich fühlte mich wie verschlagen. Gustavo gähnte, es war Viertel vor sieben, als er auf den Wecker drückte, damit er nicht klingelte. Er küsste mich auf die Wange. „Was habe ich gut geschlafen“, sagte er, „es gibt nichts Beruhigenderes als die Gewissheit, am nächsten Tag seine Mutter zu sehen.“ Als ich mich anzog, lief es mir eiskalt den Rücken herunter.

3
Ich stellte mir vor, wie sich die beide schweigend auf die Reise machen, er hält dabei Fabiana an der Hand, damit sie nicht fortläuft, anfangs ganz fest, bis sie aus dem Zug steigen und und in den ersten Bus einsteigen; ich wusste allerdings nicht ob sie diesselbe Linie nehmen würde wie ich, weil dort alle Busse scheinbar die gleiche Strecke fahren, in Wirklichkeit aber alle woanders ankommen. Die beiden natürlich ohne einen Blick oder ein Wort zu wechseln. Der zweite Bus, der dritte, einsteigen und in Muñiz aussteigen; unter einem riesigen Betonbogen durchgehen, auf dem „Willkommen in Muñiz“ steht, was das gleiche heiβ t wie „Willkommen an Arsch der Welt“, und dann immer weiter, in die Siedlung rein, um schlieβ lich stillschweigend ihre hand ganz und gar loszulassen, jetzt konnte sie ihm nicht mehr entkommen. Wer sich an diesen Ort verirrt, bleibt für immer. Vertrocknete GrÜnflächen, mehr als anderthalb Meter hoch bewachsenes Brachland, Schilf, eine kleine Brücke mit Fluss und angelnden Kindern (sonderbare Kinder, mit sonderbarem Gesicht, würde Fabiana denken, aber nur, weil sie kaum etwas von ihnen sieht. Ohne dabei zu sein, war ich mir auβerdem auch sicher, dass Fabiana, je näher sie kamen, alles immer mehr durch einen Schleier wahrnehmen würde; vielleicht hatte sie ihre Tränendrüsen massiert, wie bei der Szene, die sich am Meer gemacht hatte, bestimmt weinte sie aber diesmal nicht.). Noch mehr Kinder. Die Villen. Die Häuschen.
„Siehst du, da, das rote Ziegelhaus?“
„Nein“, würde sie antworten.
Siehst du immer noch nicht? (Sie sind schon ziemplich nah dran)
„Nein“
„Es ist nicht mehr weit. Wir sind gleich da.“
Von Küchenfensterchen aus sah ich sie aus dem Bus steigen. Ich kniete auf dem Tischchen, zwischen schmutzigen t¨pfen mit Soβe und Pasta. Die beiden liefen Hand in hand, wie verliebte Brautleute. Sie klingelten zweimal. Die Tür ging auf. Eine dicke Frau, ungefähr sechzig Jahre alt, begrüβte sie mit einem Lächeln. Gutavo sagte: „Mama, darf ich dir meine Verlobte vorstellen“. Er legte ihr den Arm um die Schulter. Als die Frau aus dem Esszimmer ging, flüssterte er Fabiana zu: „siehst du, du Dummerchen“, oder etwas in der Art. Ich stellte mir das wegen Gustavos verliebtem Gesichtsausdruck so vor. Diesem Gesichtsausdruck eines Schwachsinnigen, den er aufgesetzt hatte.
Die Frau kehrte mit einer dampfenden Schüssel zurïck. „Da wollen wir doch mal sehen, was du uns Schönes gekocht hats“, sagte er. Die drei saβen am ausgezogenen Tisch. Die Mutter sprach nicht, sie beschränkte sich darauf, das Essen zu servieren. Anschlieβend ging sie noch einmal aus dem Zimmer und kam mit zwei Flaschen zurück, Wein und etwas Alkoholfreies von einer Marke, die Fabiana nicht kannte. Das weiβ ich, weil sie die Flasche in die Hand nahm, das Ettiket vorlas und die Stirn kräuselte. Es war etwas mit Grapefruitgeschmack. Das Essen war versalzen. Gustavo sparte dennoch nicht Lobeshymnen. Ihm genügte, dass „Mama“ es gekocht hatte. Während der gesamente Mahlzeit schien er mit seinem Gelapper beweisen zu wollen, was für ein artiger Junge er ist („Die Pasta wird mit jedem Mal besser; keiner kriegt die Soβen hin wie Muttern.“).
Fabiana machte einen unruhigen Eindruck, voller Misstrauen gegen alles um sich herum. Sie fühlte sich entschieden unwohl. Schleiβlich stand sie vom Tisch auf. Sie wollte schon sagen: „Das ist nicht deine Mutter, Sie sieht dir nicht ähnlich“. Ich sah die Anspannung in ihrem Gesicht, doch sie sagte nichts und setzte sich wieder hin. Genau in dem Augenblick, als er sie fregte: „Liebling, ist etwas mit dir?“. Wie kann er sie das fragen.
Vom Esszimmer aus konnte man die anderen Stuben sehen, doch von den Türen aus sah man-zumindest seit ich zuschaute-nichts anderes als eine dichte, fühlbare Dunkelheit, die den Tisch, die Wánde und diese Leute in ein schlecht beleuchtetes Bühnenbild verwandelten, Wie in einem Horrorfilm. Ich hatte sie die ganze Zeit von der Innenseite des Bildschirms gesehen, bis ich sie nicht mehr interscheiden konnte. Mit diesem starren Blick derer, die in den Fernsehern stecken. So wollte ich sie auch für immer sehen, das hatte ich mir vorgenommen, noch bevor sie kamen. Aber Gustavos Frage und das mangelnde Licht gaben mir den Rest. Sie zögerte.
„Ja, mit mir ist etwas“
„Was“
Die Stille konnte sich mit dem schmutzigen Geschirr verbinden, sie konnte in den Topf mit eienm Rest festgeklebter Nudeln tauschen und in die Obstschale auf dem Tisch zurückkehren, versteckt zwischen den Mandarinen. Gustavo nahm sich eine.
„Ich will Fotos sehen“, sagte sie. Die Blinde.
Gustavo machte ein überraschtes Gesicht. „Fotos?“, fragte er. Die Mutter schüttelte unwirsch den Kopf.
„Was für Fotos?“
Fabiana erklärte: „Von euch. Von dir, als du klein warst, Babyfotos, wo du bei dieser Frau auf den Arm bist. Fotos von deiner Schwester.“
Er sah die Mutter an. Er würde um keinen Preis klein beigeben; wenn sie mit der Angst im Nacken fast das gesamete Essen ihre Schauspielerei durchgehalten hatten, was konnte ihnen dann jetzt noch die Frage anhaben?
„Gibt es welche?“
Die Mutter zuckte wortlos die Schulter. „Es gibt keine, Fabi.“
„Wie? Das kann nicht sein.“
„Es ist so.“
„Alle Mütter haben von ihren Kindern Fotos“, sagte sie unbeirrbar. „Wenigstens eins davon will ich sehen.“
Dann war die Stimme der Mutter zu hören, eine tiefe Stimme wie von einer anderen Person: „Keins davon ist erhalten. Von den Fotos sind nur winzige Schnipsel übrig. Lidia hat sie vor drei Jahren zerschnitten, jedes einzeln. Ich habe die Schnipsel in eine Schachtel.“
Fabiana muss es für eine idiotische Ausrede gehalten haben. „Ich will diese Schachtel sehen“, sagte sie und unterschrieb damit ihr Todesurteil.
Die Mutter öffnete eine Tür der Kommode, holte einen Schuhkarton hervor und stellte ihr auf den Tisch. Gustavo schlugdie Hände vors Gesicht. Fabiana hob vorsichtig den Deckel; drinnen waren Tausende von Fotoschnipseln. Ein verfluchtes Puzzle, das nicht mehr zusammenzusetzen war. Von den Bildern waren nur noch nutzlose Nudeln übrig geblieben, die die Geschichte dieser armen Frau zerschnitten. Sie hob den Blick.
Ich habe ja immer gesagt, dass dieses Miststück geisteskrank ist. Ihre Augen verlangten nach Erklärungen (mit welchem Recht eigentlich, und das in unserem eigenen Haus!), und ich beschloss, die Bühne zu betreten, ich zog den Vorhang auf, der ihr Bild und ihren Körper von mir trennte, der das Esszimmer von der Küche trennte, in die ich mich geflüchtet hatte.
„Lidia, nein!“ hörte ich meinen Bruder schreien.
Geflüchtet vor diesen Kreisen. In meinem eigenen Haus. Fabi drehte sich zu mir; mit einer Hand warf sie den Stuhl um, mit der anderen die Flasche von diese Marke, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, und die Flasche zerbrach, als sie auf den Fuβbodenfliesen aufschlug und in tausen Glaskügelchen zerfiel. Vielleicht dachte sie, dass sie nie wieder ein solches Schauspiel sehen würde.
„Du hast die Fotos zerschnitten?“, fragte sie.
„Ja.“
Sie hatte den schweiβnassen Gesichtsausdruck einer Verdammten.
„Warum?“
„Um Schluss zu machen mit den Bildern. Ich habe es mit dieser Schere getan.“
„Schinppschnapp“ machte meine Schere in der Luft. Ich legte meine Hand, „schnipp“, in eine vorgestellte horizontale Ebene, in welcher die Schere selbst, ihre Schneiden, „schnapp“, und die Augenlinie Fabianas lagen. Das letzte Geräusch des Sichschlieβens und-öffnens hatte die Spizen auf eine Entfernung gebracht, die der zwischen ihren Netzhäuten entsprach. Bevor sie endgültig blind wurde, wird sie gedacht haben: „Das habe ich kommen sehen.“ Ich stieβ zu.

Übersetzt von Klaus Laabs

Gustavo Nielsen nació en Buenos Aires, en 1962. Es arquitecto y escritor. Como arquitecto ha realizado obras en Capital, Buenos Aires, Córdoba, San Luis y Montevideo. Desde 2008 comparte el Galpón Estudio en el barrio de Chacarita junto a los arquitectos Ramiro Gallardo y Max Zolkwer. Ha ganado el Tercer Premio para el Parque Lineal del Sur (asociado a Max Zolkwer), el Primer Premio para el Oasis Urbano Magaldi Unamuno, Tercer Premio Cenotafio Las Heras y Mención en el Oasis Boedo (asociado a Max Zolkwer y Ramiro Gallardo), Mención en el MPAC (asociado a Sebastián Marsiglia), Mención en el Pabellón Frankfurt 2010 (asociado a Max Zolkwer y a Sebastián Marsiglia) y Primer Premio en el concurso internacional para el Monumento a las Víctimas del Holocausto Judío (también asociado a Sebastián Marsiglia). Escribe notas sobre ciudad y diseño en el suplemento Radar, de Página 12. Ha publicado “Playa quemada” (cuentos, Alfaguara), “ La flor azteca” (novela, Planeta), “El amor enfermo” (novela, Alfaguara), “Marvin”, (cuentos, Alfaguara, "Auschwitz" (novela, Alfaguara)y “Adiós, Bob” (cuentos, Klizkowsky Publisher) , “Playa quemada” (cuentos, Interzona), “La fe ciega” (cuentos, Páginas de Espuma, Madrid), “El corazón de Doli” (novela, El Ateneo) y “La otra playa” (novela, Premio Clarín Alfaguara 2010).

gesnil@gmail.com

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